"Against The Grain": "Den Barbaren ging es besser!"

Florian Fischer Ernährung, Gesundheit

In seinem jüngsten Buch „Against the Grain” ergründet der US-Anthropologe und Politikwissenschaftler James C. Scott (James C. Scott, Jahrgang 1936, hat Jahrzehnte lang zu Bauern in Südostasien geforscht, die sich dem Zugriff von Herrschaft entziehen. Er lehrt als Professor in Yale und lebt auf einer Farm in Durham, Connecticut, wo er Schafe hält), warum die Menschen ihr nomadisches Leben aufgaben. Dabei stützt sich der 81-jährige Yale-Professor auf neue archäologische Erkenntnisse. Der Buchtitel ist elegant, weil er die Doppelbödigkeit von Scotts Interpretation transportiert. Against the Grain lässt sich mit “gegen das Getreide” übersetzen, genauso aber mit “gegen den Strich”. Scott hinterfragt die allgemeine Annahme, dass Sesshaftigkeit das Beste war, was der Menschheit hätte passieren können.

ZEIT ONLINE: Den ersten Menschen, die sich um 10.000 vor Christus in Mesopotamien ganz dem Ackerbau widmeten, ging es schlecht. Das haben Archäologinnen und Archäologen herausgefunden. Sowohl die Knochen der frühen Bauern als auch die Überreste ihres Kots zeigen Spuren von Mangelernährung. Mister Scott, Warum ist diese Erkenntnis wichtig?

James C. Scott: Weil die Geschichtsschreibung bislang davon ausging, dass die Domestizierung von Getreide der entscheidende Grund dafür war, dass die Menschen sesshaft wurden. Dass der Ackerbau so viele Vorteile bot, dass es die Jäger und Sammler gar nicht abwarten konnten, endlich Bauern zu werden. In Wahrheit ging es den Nomaden meist besser, weil sie auf ein breites Spektrum verschiedener Nahrungsquellen zurückgreifen konnten.
“Against the Grain”:: James C. Scott, Jahrgang 1936, hat Jahrzehnte lang zu Bauern in Südostasien geforscht, die sich dem Zugriff von Herrschaft entziehen. Er lehrt als Professor in Yale und lebt auf einer Farm in Durham, Connecticut, wo er Schafe hält.

ZEIT ONLINE: Die Liste namhafter Historiker und Philosophen, denen Sie in Ihrem Buch widersprechen, ist lang. Sie selbst nennen unter anderem Thomas Hobbes, John Locke, Friedrich Engels und Oswald Spengler.

Scott: Das Anliegen meines Buchs ist es ja, die herkömmliche, nahtlose Erzählung der Zivilisation zu hinterfragen. Wir haben klare Beweise dafür, dass Pflanzen schon 4.000 Jahre lang kultiviert worden waren, bevor die ersten festen Siedlungen entstanden. Wenn aber der Ackerbau so eine revolutionäre Entdeckung war, wenn er mehr Nahrung und mehr Freizeit ermöglichte, warum wurde er nicht sofort von allen praktiziert? Warum sträubten sich die Menschen so lange?

ZEIT ONLINE: Ja, warum?

Scott: Weil Ackerbau eine extrem arbeitsintensive und anstrengende Tätigkeit war. Und das betraf nicht nur die Arbeit auf dem Feld. Ein Beispiel: Das Skelett einer Frau aus einer frühen agrarischen Siedlung erkennen Archäologen auch an einer typischen Form der Arthritis an den Zehen. Beim Mahlen von Getreide schaukelten die Frauen auf Knien vor und zurück, wobei sie auf ihren Zehen saßen, und zwar täglich. Schon vor der Erfindung des Ackerbaus aßen Menschen wildes Getreide. Sie hatten auch das Werkzeug, um das Korn zu verarbeiten: Sichel, Mörser und Stößel. Aber Mehl war eben nur ein kleiner Teil einer sehr vielfältigen Ernährung. Im Vergleich zur aufgewendeten Arbeit war der Ertrag an Kalorien aus Getreideanbau gering. Überhaupt war die Ernährung in der frühen Phase der Sesshaftigkeit schlecht. Es fehlten eine ganze Reihe Mineralien, auf die Jäger und Sammler vorher nicht verzichten mussten. Auch das Leben an einem Ort brachte Probleme mit sich. Die Menschen lebten nun in ihren eigenen Ausscheidungen und in denen ihrer Nutztiere. Das war die Ursache für die Entstehung von Infektionskrankheiten, an denen wir noch heute leiden. Sie sind eine Folge der Neolithischen Revolution.

„Die Sterblichkeit in den dicht besiedelten Gebieten war extrem hoch“

ZEIT ONLINE: Dennoch sind wir heute keine Nomaden mehr. Wie kam es, dass die Menschen letztlich doch siedelten?

Scott: Diese Frage kann ich nicht wirklich beantworten. Für mich ist aber klar: Es muss einen äußeren Zwang gegeben haben. Dazu gibt es verschiedene Theorien. Es könnte eine Dürre gegeben haben, die die Menschen dazu brachte, sich in der Nähe von Wasser anzusiedeln. Oder einen Anstieg der Population, der zu einem Rückgang der Wildbestände führte. Dies wiederum könnte eine Ursache dafür gewesen sein, dass man mehr Ertrag aus einem Stück Land herausholen musste. Welcher Faktor der entscheidende war, weiß ich nicht. Die Archäologen haben sich da noch nicht geeinigt.

ZEIT ONLINE: Selbst wenn äußere Umstände uns zur Sesshaftigkeit zwangen, war sie letztlich ein Erfolgsmodell. Städte entstanden, Staaten und damit Schrift, Arbeitsteilung, Politik, Kultur …

Scott: … Wehrpflicht, Steuern, Zwangsarbeit und Ungleichheit. Alles Gründe, warum Menschen von dort flohen. Städte schrumpften immer wieder, weil die Bevölkerung fort ging, oder auch durch Kriege oder Epidemien. Die Sterblichkeit in den dicht besiedelten Gebieten war extrem hoch. Städte konnten nur wachsen, indem sie Leute von außerhalb aufsaugten, also entführten und versklavten. In Mesopotamien war das Wort “Sklave” eine Kombination aus den Symbolen für Frau und Berg. Die Sklaven dürften also vor allem Frauen gewesen sein, die man aus dem nahe gelegenen Zāgrosgebirge verschleppt hatte. Frühe Staaten waren Sklavenstaaten, es ging ihnen nicht darum, Gebiet zu erobern, sondern Menschen. In Mesopotamien bestand die Population etwa zu einem Viertel aus Sklaven. Frauen waren besonders begehrt, weil sie auch der Reproduktion der Bevölkerung dienten. Selbst in Europa wuchsen Städte erst im 19. Jahrhundert aus sich selbst heraus, als es sauberes Wasser, Toiletten und eine Kanalisation gab.

ZEIT ONLINE: Das klingt, als seien Städte über Jahrtausende furchtbare Orte gewesen.

“Die Elite lebte von den Steuern”

Scott: Nicht für die Elite, die lebte von den Steuern. Bei den Jägern und Sammlern gab es zwar auch eine Hierarchie, aber die Ungleichheiten waren meist auf eine Generation beschränkt. Wenn ein Häuptling nicht überzeugte, wurde ein anderer zum Clanchef befördert. In den agrarischen Siedlungen gab es erstmals Besitztümer, beispielsweise ein Feld mit Bewässerungsgräben, das vererbt wurde. Nebenbei bemerkt gehörten zu einem Feld auch Sklaven. Man gab seinen Status also einfach an die nächste Generation weiter. Die Hierarchien wurden dauerhaft.
ZEIT ONLINE: Wie haben Staaten überlebt, wenn nur wenige von ihnen profitierten?

Scott: Das älteste Anliegen von Staaten ist es, dafür zu sorgen, dass die Leute nicht weiterziehen. In Mesopotamien, aber auch in China und den Königreichen der Maya entstanden sehr früh Schriften, in denen man sich selbst als besonders zivilisiert und kultiviert beschrieb. Man musste sich von jenen außerhalb der Stadtmauern unterscheiden. Staaten beschworen ihre Überlegenheit und ihre Anziehungskraft, um nicht auszubluten. Auf der anderen Seite stellten sie die Welt der Barbaren als eine voller Entbehrungen und Hunger dar. Passend ist in dem Zusammenhang, dass der altgriechische Begriff “Barbar” der Versuch war, den Klang des Persischen zu imitieren. Man wollte sie abwerten. Dabei waren die Perser zu jener Zeit mindestens genauso zivilisiert wie die Griechen.

ZEIT ONLINE: Wären wir besser Jäger und Sammler geblieben, anstatt auf die Propaganda aus den Städten hereinzufallen?

Scott: Die Neolithische Revolution war keine falsche Abzweigung, so weit würde ich nicht gehen. Aber wir haben uns seither in eine dramatische Situation manövriert. Schauen Sie sich die ökologischen Schäden an, die der Mensch heute anrichtet, den Ressourcenverbrauch, die Umweltzerstörung. Wie sind wir dahin gekommen? Klar ist: Die agrarische Gesellschaft hat eine vollkommen neue, künstliche Landschaft hervorgebracht. Tiere und Pflanzen auf knappem Raum um sich zu scharen, das war ein großer Eingriff in die Umwelt. Es kamen Ratten, Mäuse, Tauben, Läuse und all die anderen Spezies, die in der Nähe von Menschen leben. Es kamen all die Infektionskrankheiten. Das Nomadendasein aufzugeben, war ein schicksalhafter Schritt, dessen Konsequenzen niemand vorhersehen konnte.

ZEIT ONLINE: Und es war eine Entwicklung, hinter die keiner mehr zurück kann.

Scott: Das stimmt so nicht, überall auf der Welt haben Menschen der Zivilisation den Rücken gekehrt. Der verstorbene französische Ethnologe Pierre Clastres sprach von “sekundärem Primitivismus”. Er forschte in Südamerika zu Ureinwohnern, von denen man angenommen hatte, sie hätten den Übergang zur Sesshaftigkeit nie vollzogen. Das stimmte aber nicht. Clastres konnte zeigen, dass sie Ackerbauern waren, diese Art zu leben aber aufgaben, als sie die Zwangsarbeit und die Epidemien in den großen Siedlungen der spanischen Kolonialisten beobachteten. Sie entschieden sich ganz bewusst gegen die Zivilisation und hielten fortan Abstand zu den Städten. Sie wurden wieder zu Barbaren und blieben es.

“Against the Grain”:: Against the Grain, Yale University Press 2017, 336 Seiten, 26 US-Dollar
Against the Grain, Yale University Press 2017, 336 Seiten, 26 US-Dollar © Yale University Press